Spätestens seit die Gebrüder Grimm ihre „Kinder- und Hausmärchen“ herausgaben (1812) und der Meininger Hofbibliothekar Ludwig Bechstein mit seinen „Deutschen Hausmärchen“ einen der größten Verkauferfolge in der Geschichte des Buchdrucks hatte (1845), gehört Hänsel und Gretel zu den beliebtesten Märchen überhaupt.
Ein Geschwisterpaar macht darin in Form eines bedrohlichen Abenteuers eine Reihe von Erfahrungen, die den meisten Menschen des 19. Jahrhundert vertraut waren. Man müsste hier präziser von „durchleiden“ sprechen, denn es geht um Hunger, Armut, um an Grausamkeit grenzende Strenge der Eltern und die Gefahren außerhalb des Dorfes. Als Engelbert Humperdinck mit seiner Schwester Adelheid Wette und weiteren Verwandten dieses Märchen für eine Vertonung bearbeitete, beließ er der Geschichte trotz manch naturalistischem Einschlag ihren archetypischen Charakter, damit weiterhin jedermann sich in Hänsel und Gretel wieder erkennen konnte. Dazu erfand er eine Musik voller Frische und Farbe, die die Heiterkeit vieler originaler und nachempfundener Kinderlieder mit den rauschhaft-rauschenden Klängen des Wagner-Orchesters und den mal schmeichlerischen, mal feierlichen Tönen seiner ganz eigenen musikalischen Sprache verband.
Als das Theater Erfurt sich dafür entschied, die berühmteste aller Märchenopern in zwei gegensätzliche Inszenierungen zu präsentieren, stand bald fest, dass die erste die Geschichte ganz traditionell mit Tannenwald und Knusperhäuschen zeigen sollte – also so, wie die meisten kleinen und großen Menschen sie sich vorstellen. Da lag die Idee nahe, Hänsel und Gretel einmal in der Ästhetik der Uraufführungszeit wiedererstehen zu lassen. Ausstatter Thomas Döll, der für das Theater Erfurt bereits die Bühnenbilder für Kikerikiste und Die Dorfsängerinnen entwarf, recherchierte in verschiedenen Theatermuseen, und schuf eine Ausstattung nach Vorlagen u.a. aus dem Meininger Theatermuseum. Der Wald besteht wie Anno 1893, als die Oper in Weimar gefeiert wurde, aus bemalten Prospekten und Hängern. Aus Sicht der Zuschauer ergibt sich auch auf diese Weise das Bild eines üppigen, undurchdringlichen Waldes. Das enge und kleine Besenbinderhaus ist der Armut der Familie angemessen und entspricht einer seit den frühesten Hänsel-Inszenierungen bestehenden Tradition. Beim Hexenhaus ergab sich erwartungsgemäß keine ungewohnte Sichtweise, aber nach Dölls Häuschen voller Lebkuchen und Zuckerguss werden sich alle Kinder die Finger lecken. Wenn die Sänger in der Inszenierung von Lutz Schwarz vor diesen Bühnenbildern auftreten, dann werden bald der trennende Orchestergraben und die Theatertechnik vergessen sein und das Märchen wie damals, als es unsere Großmütter uns erzählten, lebendig werden.
Premiere 09.10.2004, Großes Haus