Vom Vorsingen bis zum Auftritt

Lampenfieber gehört immer dazu. Es ist immer da, aber man lernt damit umzugehen.

Julian Dominique Clement

Ein Gespräch mit Rachel Ridout und Julian Dominique Clement

Rachel Ridout kommt aus England und hat 2024 ihren Master in Operngesang in Leipzig absolviert. Wir treffen die Sopranistin zusammen mit dem Bariton Julian Dominique Clement nach einer musikalischen Probe für die Kammeroper Weiße Rose. Julian steht kurz vor dem Abschluss seines Masterstudiums in Operngesang in Leipzig.

Was hat euch motiviert, an dem Vorsingen teilzunehmen?

„Obwohl man gerne jede Gelegenheit annehmen möchte, die sich einem bietet, gibt es auch Grenzen. Man muss sich in der Rolle wohlfühlen und sich gerade bei einem zeitgenössischen Stück auch mit der Geschichte beschäftigen und sich entsprechend körperlich und seelisch vorbereiten“, sagt Rachel, die Geschichte oder Englisch studieren wollte, wenn es mit dem Musikstudium nicht geklappt hätte.

Ungefähr sechs Wochen lang hat sie sich auf das Vorsingen vorbereitet. Sie hat viel gelesen, recherchiert und sich mit dem Stück und der Geschichte des Zweiten Weltkriegs beschäftigt. Genau dieser Teil kam in ihrer Schulzeit in England leider zu kurz, aber ihr Interesse an dem Stück war von Anfang an sehr groß.

Julian hat sich im Vorfeld mit seinem Gesangsprofessor über die Rolle unterhalten und ausgetauscht. Für ihn ist die Weiße Rose in jeder Hinsicht eine gute Chance: „Es ist eine Kammeroper, es gibt keine große Besetzung, es ist ein kleiner Raum und es hat einen experimentellen Charakter durch die Anlage des Stückes selbst. Dieser Experimentierraum eignet sich gut dazu, sich an solch eine größere und herausfordernde Partie heranzuwagen“.

Beim Vorsingen für die beiden Hauptrollen in der Inszenierung Weiße Rose von Markus Weckesser haben sie sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt.

Wie sieht es generell mit der Konkurrenz in diesem Beruf in Deutschland aus?

„Es hat eine große Internationalisierung in dem Beruf stattgefunden und Deutschland hat durch seine eigene Kultur- und Musikgeschichte, neben anderen europäischen Ländern wie Italien eine lange Musiktradition. Hier gibt es sehr viele Möglichkeiten, Musik und Gesang zu studieren sowie zahlreiche Musikförderprogramme. Mit über 80 Opernhäusern ist Deutschland absolut führend, ganz anders als in England oder anderswo auf der Welt. Und man kann hier Geld verdienen, aber das ändert sich auch. Die Gelder werden immer knapper und es wird immer schwieriger, auf diesem hart umkämpften Markt Fuß zu fassen. Das Schwierigste ist, überhaupt ein Vorsingen zu bekommen. Es gibt einfach sehr viele gute Sängerinnen und Sänger, die sich bewerben. Gute Kontakte sind das A und O“, sagen beide.

Probe "Weiße Rose" | Foto: Lutz Edelhoff | Rachel Ridout, Julian Dominique Clement
Probe "Weiße Rose" | Foto: Lutz Edelhoff | Rachel Ridout, Julian Dominique Clement

Das Theater Erfurt hat das Vorsingen gezielt für Studierende angeboten, um die passende Besetzung für die jungen Protagonisten Hans und Sophie Scholl zu finden. So entsteht eine Win-Win-Situation für beide Seiten und bietet vor allem den Absolventinnen und Absolventen eine gute Chance, praktische Erfahrungen zu sammeln und sich einen Namen zu machen.

Sollte man bei einer Künstleragentur unter Vertrag sein?

„Es hilft, weil man mehr Möglichkeiten hat, vorzusingen, wo man sonst keine Chance hätte. Gleichzeitig muss man schauen, dass die Agentur zu einem selbst passt. Bei jeder Möglichkeit, die sich über eine Agentur ergibt, sollte man auch darauf achten, dass diese gut zum eigenen Stimmfach und Profil passt. Dabei ist es vor allem auch wichtig, auf die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Stimme zu achten“, sagt Rachel.

„Man braucht seine eigene sängerische Identität. Die entwickelt sich natürlich auch, die Stimme entwickelt sich, aber man muss immer selber schauen, was passt zu mir“, ergänzt Julian.

Wie und warum sollte man sich die Weiße Rose ansehen?

Man sollte möglichst ohne die Erwartungen an eine typische Oper in das Stück gehen. „Es passiert etwas Klangliches, das mit dem Publikum etwas macht, wenn man sich darauf einlässt. Dafür hilft es, erst einmal innerlich loszulassen. Die Weiße Rose verlässt in ihrer Klangsprache einige Hörgewohnheiten, aber auch diese können einem vertraut werden. Der Klang und die Musik schaffen ihre eigenen Sphären und Stimmungen“, sagt Julian.

„Es ist ein sehr intimes Stück. Wenn man mit offenem Herzen, offenem Kopf und offenen Ohren hineingeht, kann man etwas spüren. Momente der Liebe, der Hoffnung und der Angst. Diese Gefühle kann man hier hautnah erleben, wenn man dafür offen ist. Es ist ein Erlebnis, nicht nur für das Publikum, sondern auch für uns selbst“, beschreibt Rachel, für die Musik schon immer ein Wegbegleiter und Zufluchtsort war.

Wir bedanken uns für das spannende Gespräch und freuen uns auf die Premiere der Weißen Rose am 25. Januar 2025 um 20 Uhr in der STUDIO.BOX.

Im unteren Foyer des Theaters Erfurt wird ab dem 13. Februar bis Ende April 2025 eine Ausstellung der Stiftung 20. Juli 1944 in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand „Was konnten sie tun? Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1939–1945“ jeweils zu den Vorstellungen im Großen Haus zu sehen sein.