1. Sinfoniekonzert: Vom Notenblatt zur Musik

Die Vorbereitung eines Dirigenten.

Wir haben mit dem Generalmusikdirektor des Theaters Erfurt, Hermes Helfricht, gesprochen.

Es ist immer ein besonderer Moment, wenn der Dirigent die Bühne betritt, seinen Platz am Pult einnimmt und das Konzert beginnt. Das Publikum erlebt während eines Konzerts nur einen Bruchteil der Arbeit, die Dirigenten bzw. Dirigentinnen im Vorfeld leisten.

Wie lange muss man sich auf das Dirigieren vorbereiten? Und wie sieht diese Vorbereitung ganz allgemein aus?

Auf besonders große Sinfonien und Opern bereitet man sich oft schon Monate, manchmal sogar Jahre im Voraus vor. Dazu zählt vor allem das Notenlesen. Wer jedoch kein Musikstudium absolviert hat, kein Instrument spielt oder sich nie mit dem Singen nach Noten beschäftigt hat, kann beim reinen Lesen von Noten leider keine Melodie im Kopf entstehen lassen. Für Musikerinnen und Musiker hingegen ist das selbstverständlich: Wie beim Erlernen einer Fremdsprache wird das Notenlesen durch jahrelanges Üben und Lernen zur zweiten Natur.

„Wenn ich eine Partitur zum ersten Mal öffne, die noch nie zuvor gespielt wurde, verschaffe ich mir einen ersten Zugang rein über den Notentext. Ich lese die Partitur sehr langsam und gründlich, um zu verstehen, was grundsätzlich im Stück passiert. Dabei beschäftige ich mich mit der Instrumentation, der Struktur, der Dynamik und der Periodik der Takte. Ich spiele dazu am Klavier und studiere die Partitur somit auf vielen Ebenen. All das hilft mir später beim Verinnerlichen des Stücks. Ich versuche auch, die Partituren, die ich dirigiere, auswendig intus zu haben. Schon mein Professor sagte einst: „Man muss die Partitur im Kopf haben und nicht den Kopf in der Partitur.“ Nur so kann ich als Dirigent in den Proben und im Konzert bestmöglich mit den Musikerinnen und Musikern interagieren. Ich bin dann freier, offener und empfänglicher für das gemeinsame Musizieren“, sagt Hermes Helfricht.

Steffi Becker im Gespräch mit Generalmusikdirektor Hermes Helfricht
Foto: Steffi Becker | Generalmusikdirektor Hermes Helfricht

Welche Fähigkeiten müssen Dirigentinnen und Dirigenten besonders gut beherrschen?

Im Studium wird neben dem Hauptfachunterricht Dirigieren, der instrumentalen Ausbildung, der Musiktheorie und der Komposition der Schwerpunkt auf Gehörbildung gelegt. Um das Klangbild, das sich der Komponist vorstellt, zum Leben zu erwecken, muss das Gehör sehr gut ausgeprägt sein. Manche Instrumente müssen dafür leiser, andere lauter spielen – also in den Vorder- oder Hintergrund treten. „Es ist ähnlich wie bei einem Tonmeister, nur, dass ich als Dirigent keine Regler am Mischpult betätige, sondern dies gestisch, vor allem mit der linken Hand, anzeige. Mit der rechten Hand, den Taktstock haltend, gebe ich das Metrum vor. Dafür gibt es jeweils ein entsprechendes Schlagbild. So formt und modelliert der Dirigent mit Gestik und Mimik den Klang des Orchesters“, erklärt Helfricht.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung beim Musizieren?

Sein Büro wirkt noch etwas kahl. Er ist Ende Juli nach zehn Jahren wieder nach Erfurt gekommen und wird in den nächsten zwei Jahren als Generalmusikdirektor tätig sein. Neben einem Schreibtisch, einigen Schränken, einem Sofa, zwei Sesseln und einem großen Flügel sieht man vor allem jede Menge Partituren. „Dafür braucht man schon einen eigenen Koffer, um sie zu transportieren“, sagt Helfricht. Für unterwegs und auf kurzen Reisen nutzt er mittlerweile auch digitale Möglichkeiten, um zusätzliches Gepäck zu sparen. Einen kompletten Wechsel von der gedruckten Partitur zur digitalen Variante kann er sich jedoch aktuell nicht vorstellen. „Dafür sind die Endgeräte schlichtweg zu klein, um die Fülle an Noten, die beispielsweise auf einem doppelten A3-Notenblatt stehen, anzuzeigen“, so Helfricht.

Wir danken Hermes Helfricht herzlich für das Gespräch und laden Sie alle ein, die besondere musikalische Atmosphäre, die er mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt kreieren wird, live in unserem Theater zu erleben. Sein Antrittskonzert findet am 11. und 12. September 2025 jeweils um 19.30 Uhr statt.