Vom einfachen Mädchen zur feinen Dame

Im Gespräch mit zwei Sängerinnen über Eliza Doolittle

Foto: Lutz Edelhoff | My Fair Lady | Marlene Gaßner, Ks. Máté Sólyom-Nagy, Juri Batukov


Morgen findet in Erfurt die Premiere des berühmten Musicals My Fair Lady in einer Neufassung von Regisseur Achim Lenz, Ausstatter Bernhard Bruchhardt und Choreografin Yara Hassan statt. In den letzten Wochen wurde viel geprobt, ausprobiert, angepasst und zu einem Gesamtkunstwerk auf der großen Bühne zusammengefügt. Wir sprachen vorab mit den Sängerinnen Daniela Gerstenmeyer und Marlene Gaßner über die Rolle der Eliza Doolittle.

Das Publikum darf sich „auf einen richtig schönen Musicalabend freuen, der eine ganz klassische Fassung von My Fair Lady zeigt, die mit neuen Impulsen versehen ist“, beschreibt Mezzosopranistin Marlene Gaßner und Sopranistin Daniela Gerstenmeyer ergänzt: „eine traditionelle Inszenierung mit vielen humorvollen, berührenden und auch nachdenklichen Momenten“. Für Daniela ist es ein Debüt, bei dem sie sich besonders über die vielen klassischen Kostüme freut. „Alles sieht super toll aus. Der Kostümbildner Bernhard Bruchhardt ist fantastisch. Ich liebe das ganze Drumherum, das Licht, das Bühnenbild, die schönen Kleider, Hüte und Perücken, die Schuhe, die Requisiten, einfach alles“. Die Mezzosopranistin Marlene Gaßner singt die Rolle der Eliza bereits zum zweiten Mal und beschreibt die vielen Umzüge wie folgt: „Das ist eine richtige Kostümschlacht. Wenn ich nicht auf der Bühne stehe, bin ich hinter der Bühne und wechsle Kostüm- oder Perücke, wie viele andere aus dem künstlerischen Ensembles auch. Sobald das Stück beginnt, gibt es keine Pause mehr. Man ist die ganze Zeit in Bewegung, und dabei wird auf der Bühne viel Energie freigesetzt, die sich hoffentlich auch auf das Publikum überträgt“.

Gesanglich und stimmtechnisch ist die Partie für beide Sängerinnen kein Problem. Eine Herausforderung war hingegen Elizas ausgeprägter Berliner Dialekt. Als Schwäbin liebt Daniela Gerstenmeyer Dialekte und hat zudem das Glück, neue Dialekte sehr schnell zu lernen, am besten durch Sprechen. Zum Üben traf sie sich für mehrere Stunden mit der Berlinerin Antje Koark vom Opernchor des Theaters Erfurt. Gemeinsam haben sie so richtig berlinert, um die sprachlichen Feinheiten und Nuancen in der Betonung zu üben. „Berlinerisch ist direkter und nicht so weich wie der schwäbische Dialekt. Ich bin froh, dass ich nicht nur über die Lautschrift lernen musste, sondern die Chance hatte mit einer echten Berlinerin zu üben“, erzählt Daniela Gerstenmeyer.

Foto: Lutz Edelhoff | My Fair Lady | Juri Batukov, Valeria Mudra
Foto: Lutz Edelhoff | My Fair Lady | Herrenchor des Theaters Erfurt, Daniela Gerstenmeyer, Jörg Rathmann

Vor einer ganz anderen Herausforderung stand Marlene Gaßner. Sie musste sich von den bereits gelernten Sprech- und Liedtexten der Weimarer My Fair Lady-Inszenierung lösen und sich die neuen Texte und Dialoge einprägen. „Außerdem ist es wichtig, auf die individuelle Inszenierung des jeweiligen Regisseurs einzugehen“, erzählt sie uns am Beispiel einer Streitszene, die zwischen Higgins und Eliza beim gemeinsamen Teetrinken zu eskalieren droht. Beide halten in der Szene konsequent ihre Teetassen in der Hand, obwohl Marlene Gaßner ihre Tasse am liebsten wütend auf den Boden geschleudert hätte. Aber genau das wollte Regisseur Achim Lenz nicht zeigen. Er betont an dieser Stelle die bereits gelungene Verwandlung vom einfachen, flapsigen Blumenmädchen zur feinen Dame, die ihre Beherrschung nicht verliert und trotz großem Unbehagen die Etikette zu wahren weiß.

Eliza weiß von Anfang an, was sie will. Sie ist eine starke Frau, die ernst genommen und eigenständig sein will. Sie träumt von einem eigenen Blumenladen und nutzt geschickt das Angebot des Sprachforschers Higgins und Pickerings aus, an ihrem Dialekt, ihrer Sprache und ihrem Auftreten zu arbeiten. Dafür muss sie im Unterricht viel einstecken und Gemeinheiten über sich ergehen lassen, aber am Ende hat sie ihr Ziel erreicht, verlässt Higgins´ Haus und geht ihren eigenen Weg. Gerade diese Stärke und die krasse Verwandlung vom einst einfachen, derben Blumenmädchen zur feinen Dame der oberen Gesellschaft, die sich trotz aller Veränderung im Inneren treu geblieben ist, schätzen Daniela Gerstenmeyer und Marlene Gaßner gleichermaßen an der Rolle.

Die Doppelbesetzung der Eliza ist für die beiden Sängerinnen kein Problem, sondern eher ein Vorteil. Auf die Frage: Wie geht ihr mit der Doppelbesetzung um? antworten sie: „Wir verstehen uns sehr gut untereinander. Bei den Proben können wir voneinander lernen, bei den Vorstellungsterminen wird man entlastet und der Druck ist geringer. Und letztlich ist eine Aufführung immer Teamwork, und Regisseur Achim Lenz hat uns beiden die Chance gegeben, unsere ganz eigene Eliza zu sein“.

Das Publikum sollte also mindestens zwei Vorstellungen von My Fair Lady besuchen, um die kleinen, aber feinen Unterschiede der Eliza-Darstellerin zu entdecken.