Barrierefreiheit im Theater Erfurt
Das Erleben von uneingeschränktem Kunst- und Kulturgenuss setzt voraus, dass alle Sinne vorhanden sind. Möchte man meinen. Für die Mehrheit der Menschen ist es vollkommen normal und selbstverständlich, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken und zu tasten. Aber nicht jeder verfügt tatsächlich über alle fünf Sinne. Schnell stellt sich die Frage, ob und wie man Kunst trotz fehlender Sinne genießen kann. Im Telefoninterview mit der Diplom-Gebärdensprachdolmetscherin Annekathrin König erfahren wir, dass vor allem der inklusive Gedanke entscheidend ist. Sie selbst zählt sich zu den „NERDAs“, was in der Gehörlosenkultur für „Not Even Related to Deaf Adults“ steht, zu Deutsch also „Nicht einmal mit gehörlosen Erwachsenen verwandt“. Aus reinem Interesse und Freude an Fremdsprachen hat sie sich nach dem Abi für den Beruf der Gebärdensprachdolmetscherin entschieden und schließlich ihr Diplomstudium in Zwickau absolviert.
„Für die meisten Menschen bedeutet Inklusion bzw. Barrierefreiheit, dass es eine Rampe am Haus gibt und einen Fahrstuhl. Ob diese auch benutzt werden, weiß man aber nie genau. Genauso ist es auch mit dem inklusiven Gedanken des Gebärdensprachdolmetschens. Es ist ein Angebot, ob dieses genutzt wird, lässt sich nicht immer feststellen“, sagt Annekathrin König. Sicher ist jedoch, dass am 18. Dezember 2025 Kinder der Erfurter Gehörlosenschule die Gebärdensprachdolmetscherin live bei Urmel aus dem Eis erleben werden. Sie selbst steht auf der Bühne am linken Rand, genau auf der anderen Seite vom Bällebad, sodass sie einerseits gut sichtbar ist und andererseits nichts verdeckt. „Viele Dinge im Schauspiel erklären sich von selbst, durch das Spiel und das, was auf der Bühne sichtbar ist“, sagt Frau König. Sie hatte sich das Familienstück vorab angeschaut und sich anhand der Textfassung auf die entscheidenden Stellen für das Gebärdensprachdolmetschen vorbereitet. Diese Vorbereitungszeit ist grundsätzlich sehr wichtig, um einen roten Faden zu finden, Emotionen zu erfassen und die entscheidenden Stellen zu markieren, die zum Verständnis der Handlung auf jeden Fall übersetzt werden müssen. Das Theater Erfurt hat extra an den beiden Gehörlosenschulen in Erfurt Werbung gemacht, um über dieses zusätzliche Angebot zu informieren.
Neben der Vorstellung von Urmel aus dem Eis am 18. Dezember wird für die Kammeroper For a look or a touch am 13. Mai 2026 um 19 Uhr, die deutsche Erstaufführung von In 80 Tagen um die Welt am 31. Mai 2026 um 15 Uhr und am 9. Juni 2026 um 10 Uhr sowie für das Musiktheaterstück Herr Fuchs und Frau Elster am 6. März um 9.30 Uhr eine Simultanübersetzung von Annekatrin König in Deutsche Gebärdensprache (DGS) angeboten.
Bei den DomStufen-Festspielen 2026 wird es am 22. und 25. August 2026 erstmals eine Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Gäste in Erfurt geben. Das gesamte Festspielgelände ist für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen barrierefrei über den Haupteingang zugänglich. Außerdem gibt es bis zu zehn Rollstuhlplätze, die über einen behindertengerechten Zugang zu erreichen sind. Für hörgeschädigte Besucher stehen im Theater Erfurt sowie auf dem Festspielgelände außerdem Hörschleifen zur Verfügung.
Eines sollten wir uns immer bewusst machen: Menschen mit Beeinträchtigungen brauchen nicht unser Mitleid, sondern die Chance, kulturelle Angebote wahrzunehmen – und dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen. Welche Angebote sie in Anspruch nehmen möchten, entscheiden sie letztendlich selbst.
Das Theater Erfurt wird seit September 2022 regelmäßig auf Barrierefreiheit geprüft und ist nach dem Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ zertifiziert.