„Ein Maskenball“ voller Geschichten

Alte Kulissenteile, Requisiten und Kostüme kommen wieder zum Einsatz

Wenn Elektroteile, Kostüme oder Bühnenbilder sprechen könnten, hätten sie im Theater Erfurt so manches zu erzählen. In Giuseppe Verdis Ein Maskenball stammen beispielsweise 80 Prozent der Bühnenwände aus den letzten beiden Spielzeiten. Angefangen als Steilküste in Benjamin Brittens Oper Peter Grimes, wurden sie bei Giacomo Puccinis Tosca zu einer Art Hörsaal mit Zuschauerrängen, ähnlich wie in einem Seziersaal in der Pathologie, und schließlich zu einem Teil der Klagemauer in Mendelssohns Oratorium Elias. Jetzt entstehen daraus Höhlen und ein Schutzraum unter der Erde, in dem die Elite in Verdis Oper das Leben in vollen Zügen voller Partys genießt, solange das Ende noch nicht in greifbarer Nähe ist. Direkt darunter befinden sich höhlenartige Felsformationen. Hier fristet das einfache Volk sein Dasein. Die Theaterplastikerinnen haben in den Höhlen spezielle Bühnengaze mit Tackern und Kabelbindern befestigt und so geformt, dass eine organisch wirkende Höhlenoptik entstand. Der verwendete Stoff war zuvor bereits bei den DomStufen-Festspielen im Einsatz. Die Außenstruktur der Höhlen besteht aus altem Unterlegstoff aus Nessel aus dem Malsaal. Ein riesiges Gestell wurde damit bespannt, malerisch gestaltet und mit speziellem Flammenschutzmittel behandelt. Claudia Fischer, die Leiterin des Malsaals, verzierte die Wände mit typischer Höhlenmalerei und verlieh ihnen so den letzten Schliff.

Foto: Steffi Becker | Claudia Fischer, Leiterin Malsaal
Foto: Steffi Becker | Claudia Fischer, Leiterin Malsaal
Foto: Steffi Becker | Jolanda Walsch und Jens Schweiger (Requisite)
Foto: Steffi Becker | Jolanda Walsch und Jens Schweiger (Requisite)

Jolanda Walsch und Jens Schweiger von der Requisite sind parallel eifrig damit beschäftigt, einen sogenannten Solar Harvester aus Elektroschrott zu bauen. In der dystopischen Welt von Katharina Kastenings Inszenierung versucht dieser, die letzte existierende Pflanze am Leben zu halten. Dafür werden alte Handys, Leiterplatten, Kühlrippen, Schaltkreise und viele bunte Kabelstränge an einem 80 Zentimeter hohen, ausrangierten Rosenobelisk aus Omas Garten befestigt. Auf der Bühne wird das gesamte Konstrukt auf zwei alten Kühlschränken stehen. Es wird von einem Lichtstrahl durchströmt und von der Anführerin Ulrica – gesungen von Kammersängerin Katja Bildt – szenisch umspielt.

In der Schneiderei kommt man beim Anblick der unzähligen Kostüme aus dem Theaterfundus schnell ins Schwelgen. Blaue Uniformhosen, Mäntel, Umhänge und Jacketts waren unter anderem schon in Die lustigen Witwe (2005), Wozzeck (2017), den DomStufen-Festspielen 2018 in der Inszenierung Carmen und in Hoffmanns Erzählungen (2021) im Einsatz. Gerade bei der Wiederverwendung alter Kostüme spielt das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle. Einerseits wird dabei Material eingespart, andererseits bedeutet dies jedoch einen hohen Zeitaufwand und erfordert viel Know-how von den Kolleginnen und Kollegen aus der Schneiderei. Oft ist das Umändern alter Kostüme viel aufwendiger, als sie komplett neu zu schneidern. Allein das Abtrennen der Taschen von den Uniform- bzw. Arbeitshosen ist sehr aufwendig, wie Steffen Richter weiß: „Die verstärkten Nähte werden speziell für den robusten Einsatz der Hosen verwendet und lassen sich von Hand nur sehr mühsam wieder auftrennen, vor allem, wenn der darunterliegende Stoff nicht beschädigt werden soll. „Auch das Kürzen, Verlängern oder Vergrößern eines Kleidungsstücks ist sehr zeit- und arbeitsintensiv“, sagt Susanne Lindau und fügt hinzu: „Zunächst müssen farblich passende Stoffteile gefunden werden, dann müssen sämtliche Nähte aufgetrennt und das Futter gelöst werden. Und am Ende muss alles wieder perfekt passen“. Eine feine Anzugshose soll bei den Darstellern der Elite in Ein Maskenball schließlich auch nach der Änderung elegant und fließend fallen und nicht wie eine Jogginghose aussehen. In der Inszenierung wird mit großen, ovalen Münzen bezahlt. Die aus Holz hergestellten Münzen wurden in der Theaterplastik zur Unterscheidung mit verschiedenen Motiven versehen. Dazu haben die Theaterplastikerinnen eine spezielle Modelliermasse durch eine Schablone aufgetragen. Nach dem Aushärten werden die Münzen noch mit Kupfer-, Silber- und Goldfarbe bestrichen. Und wer weiß, in welchem Stück man diese Münzen in den nächsten Jahren wiederfinden wird.

Wir sind sehr gespannt auf das fertige Bühnenbild, die Kostüme und die zahlreichen Requisiten, die ab der Premiere am 7. Februar 2026 in insgesamt sieben Vorstellungen zu sehen sein werden.

Foto: Steffi Becker | Susanne Lindau, Herrenmaßschneiderin und Ausbildungsbeauftragte
Foto: Steffi Becker | Susanne Lindau, Herrenmaßschneiderin und Ausbildungsbeauftragte