Kostüme für Das Rheingold

Lara Donner im Interview mit Tristan Jaspersen

Die Premiere für Das Rheingold rückt näher. Auf der Probebühne wird fleißig geprobt, aber auch die Arbeit an Bühnenbild, Maske und Kostüm läuft auf Hochtouren. Im Rahmen meines Praktikums am Theater Erfurt habe ich Tristan Jaspersen, den verantwortlichen Kostümbildner, interviewt, um herauszufinden, was seine Entwürfe auszeichnet und welches Konzept dahintersteckt.

Wie ist es dazu gekommen, dass du dich entschieden hast, die Kostüme für dieses Projekt zu machen?

Ursprünglich war ich nicht für die Produktion geplant, da aber der eigentliche Kostümbildner ausgefallen ist, hat mich der Regisseur Jürgen R. Weber gefragt, ob ich spontan einspringen will. Das Theater Erfurt kannte ich bereits von einem Praktikum im Bereich Bühnenbild. Damals hatte ich schon einmal mit Hank Irwin Kittel zusammengearbeitet.

Du hattest für die Entwürfe also gar nicht viel Zeit. Wie war da der Entwicklungsprozess? Hattest du schon länger ein Konzept für diese Oper im Kopf?

Die Konzeption für die Inszenierung stand schon fest und damit auch die Vorgaben für die Kostüme. Sie sollten möglichst vorzeitlich und blutig sein. Ich habe mich vor allem am Bühnenbild von Hank Irwin Kittel orientiert, was schon ausgearbeitet war.

Was verbindest du mit Wagner und explizit dieser Oper?

Ich bin als Kind zusammen mit meinem Vater durch Deutschland gereist und habe viele verschiedene Inszenierungen des Rings gesehen. Wahrscheinlich war ich damals noch ein bisschen zu jung, um viel damit anfangen zu können, aber ein paar Sachen sind dann doch hängen geblieben. Ich weiß noch, dass in Berlin das Augenmerk auf dem in sich geschlossenen Ring lag, der sich immer wieder wiederholt. Ähnlich, wie wir es hier in Erfurt umsetzen.

Foto: Steffi Becker | Lara Donner im Interview mit Tristan Jaspersen, der hier im Bild ein Kostümteil der Riesen Fasolt und Fafner trägt.
Statisten | Figurinenzeichnung von Tristan Jaspersen

Du meintest ja, dass das Design möglichst vorzeitlich und blutig sein soll. Welche anderen Aspekte stecken da noch drin?

Die Idee war, dass man die Oper komplett nach Text inszeniert, aber gleichzeitig auch betont, dass trotz der ganzen Magie Menschen im Vordergrund der Erzählung stehen. Daran habe ich alles angepasst. Wie könnte zum Beispiel die Verwandlung Alberichs dargestellt werden, wenn er nicht wirklich zum Drachen wird? Oder wie sieht Wotans achtbeiniges Pferd Sleipnir aus, wenn es in Wirklichkeit Menschen sind? Bei Letzterem sind es vier Statisten, die Wotan tragen und dadurch das achtbeinige Pferd darstellen. Grundsätzlich habe ich versucht, ein bisschen wegzukommen von den „traditionellen“ germanischen Gottheiten. Die Nationalsozialisten haben ja versucht, diese nordische Mythologie aufzugreifen und als rein Deutsch zu verkaufen, was natürlich totaler Quatsch ist. Ich habe versucht, mit dem Design einen Mix verschiedenster Kulturen zu schaffen.

Die Gött:innen haben ja sehr interessante Kostüme.

Ja, sie tragen alle Gürtel mit großen Aufbauten am Rücken. Mir war wichtig, dass man sie sofort an der Silhouette erkennt und sehen kann, um welchen Gott es sich handelt. Sie haben praktisch alle ihre ganz eigenen Symbole: Freia hat Äste, Froh eine Sonne und Donner Blitze. Für das Kostüm von Fricka war zuerst die Idee, dass sie kleine Gebetszettel am Rücken hängen hat. Jetzt hat sie mehrere Skalps und Haarbüschel. Das kommt daher, dass die Sängerin nach der ersten Anprobe auf mich zukam und fragte, ob sie eine Glatze haben könnte, weil sie das schon immer mal auf der Bühne haben wollte. Und dann dachte ich, okay, das können wir machen. Fricka skalpiert quasi Leute und sammelt deren Haare als Kriegsbeute. Ich glaube, das wird ganz schön und gruselig. Wotans Gürtel hat den größten Aufbau mit Speerspitzen und Schädeln. Allgemein habe ich versucht, möglichst Naturstoffe zu verwenden, wie Korb und Leinen. Auf moderne Schnitte sowie Materialien wie Leder und Metalle habe ich versucht zu verzichten.

Die Inszenierung weist auch sexuelle Motive auf. Wie spiegelt sich das in den Kostümen wider?

Die Oper fängt mit einer versuchten Vergewaltigung und der Liebesentsagung von Alberich an. Bei Wagner wurden einige Szenen auf eine verkorkste Art und Weise sexualisiert. Es wird nicht wirklich dargestellt, aber zwischen zwei Opern haben alle miteinander geschlafen und dabei viele Kinder gezeugt. Dieses Verkorkste findet sich auch in den Kostümen wieder. Alberich hat zum Beispiel über seiner Kostümhose einen Hoden, der seine verquere Sicht auf Liebe und Sexualität darstellen soll. Die anderen Nibelungen sind durch ihre Kostüme asexualisiert, denn man sieht anstelle des Geschlechts nur ihre Gesichter, die sie dort als Maske tragen. Bei den Rheintöchtern war die Überlegung, wie man eine sexuelle Szene darstellt, ohne die Sängerinnen nackt oder wie in anderen Inszenierungen nur in knappen weißen Kleidchen zu zeigen. In meiner Version tragen sie riesige Zungen als Kostüm, was natürlich einerseits fetischisiert, andererseits aber die echten Sängerinnen nicht sexualisiert.

Deine Intention war also, die Sexualität der Oper zu kritisieren?

Genau, aber sie eben auch trotzdem beizubehalten.

Ich tue mich ehrlich gesagt schwer mit dieser Gleichsetzung Sex und Liebe. Alberich behält sich ja seine Libido, er gibt nur sämtliche „moralische“ Liebe ab.

Genau, das ist eben das Verkorkste. Er macht das ja nur, weil die Rheintöchter ihn abweisen. Und da frage ich mich, was Wagner da gedacht hat. Eigentlich ging es ja bis gerade gar nicht um echte Liebe, sondern eher um eine aufgezwungene Form davon. Das spielt in die Kostümidee auch mit rein.

Nibelungen und Mime | Figurinenzeichnung von Tristan Jaspersen
Rheintöchter | Figurinenzeichnung von Tristan Jaspersen

Über die Riesen haben wir noch nicht gesprochen.

Bei den Riesen ist es so, dass sie mythologisch gesehen gar nicht so groß sind. Für das Publikum ist das oft enttäuschend, wenn sie nicht so riesig dargestellt werden. Ich finde es sieht doof aus, wenn die Riesen auf Stelzen laufen. Deshalb habe ich sie in Kostüme gesteckt, die sie breit und wulstig aussehen lassen. Sie werden zusätzlich ganz alt gemacht, als wären sie schon so ein bisschen versteinert. Dazu bekommen sie noch moosbewachsene Kuscheldecken. Bei Fasolt, dem sensibleren Riesen, wird das Kostüm noch ein bisschen beblümt. Mir war wichtig, dass sie nicht wie die Bösen rüberkommen, sondern einfach ältere Wesen sind, die ein bisschen neandertalermäßig aussehen und jetzt von den fiesen Asen verdrängt werden. Die Idee war, dass die Riesen eine Gruppe an Wesen sind, die die ältesten und naturverbundeneren Bewohner repräsentieren. Die Asen hingegen sind das jüngere Volk, welches sich nur mit Gewalt an der Macht hält. Deshalb sind sie auch so vollgeblutet.

Das heißt, es gibt unterschiedliche Entwicklungsstufen.

Ja genau. Und die Asen sind eigentlich noch neu und lassen sich ja auch erst ihre Burg (Walhall) bauen.

Die Statist:innen stellen unter anderem Priester dar. Bei diesen Kostümen tragen sie große Masken aus Korb. Wie kam es dazu?

Die Körbe sind vor allem eine praktische Lösung für die Statist:innen. Zum einen wirken sie damit schön gruselig, weil man ihre Gesichter nicht sieht und zum anderen können sie das Make-Up für die Nibelungen, die sie kurz darauf spielen, bereits darunter tragen.

Was möchtest du, dass die Zuschauer von deinen Kostümen mitnehmen?

Die Herstellung der Kostüme war sehr aufwendig, da wir viele Teile komplett neu herstellen und dabei sehr viel basteln mussten. Klassische Designs wie Anzüge oder Ballkleider kommen nicht vor. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Zuschauer das erkennen.

Vielen Dank für das Gespräch.