Reinthaler ‘22

Reinthaler ‘22

Im Oktober 2022 jährt sich der Geburtstag des Komponisten Carl Reinthaler (1822–1896) zum 200. Mal. In einer Reihe von Veranstaltungen in Erfurt und Bremen sollen im Herbst 2022 einige seiner Werke erklingen.

Geboren wurde Carl Martin Reinthaler 1822 in den Räumen des Augustinerklosters in Erfurt, in denen sein Vater, der Theologe Carl Christian Reinthaler, an der historischen Wirkungsstätte Martin Luthers das Martinsstift leitete, eine Lehr- und Versorgungseinrichtung für vernachlässigte Kinder und Jugendliche. Der junge Carl Martin besuchte das Erfurter Gymnasium und erhielt beim Organisten August Gottfried Ritter (später Domorganist in Magdeburg) eine erste musikalische Ausbildung. Dem Wunsch des Vaters folgend absolvierte er zunächst ein Theologiestudium an der Berliner Universität. Daneben nahm er privaten Kompositionsunterricht und trat als Chorsänger in Erscheinung. Nachdem er mit ersten Kompositionen, vor allem geistlichen Chorwerken, auf sich aufmerksam gemacht hatte, erhielt er ein Stipendium des Preußischen Königs für einen zweijährigen Studienaufenthalt in Rom. Seine erste Anstellung erhielt er als Gesangslehrer am Konservatorium in Köln. Von dort wechselte er 1858 nach Bremen, wo er als Domorganist, Leiter des Domchors und städtischer Musikdirektor erfolgreich wirkte. In die Musikgeschichte eingegangen ist Reinthalers Eintreten für Johannes Brahms, der dadurch in Bremen sein Deutsches Requiem zur Uraufführung bringen konnte. Er setzte sich auch für Max Bruch ein, dessen berühmtes g-Moll-Violinkonzert ebenfalls in Bremen unter Reinthaler uraufgeführt wurde. Zu Reinthalers Korrespondenzpartnern gehörten außerdem Clara Schumann und Joseph Joachim. Reinthalers Wirken war vorrangig das eines ausübenden Musikers, er dirigierte Chöre und Orchester und war der Organisator des städtischen Musiklebens in Bremen, wo er bis zu seinem Tod 1896 lebte.

Liebes-Frühling

Unter seinen dennoch zahlreichen Werken nimmt die Chormusik den größten Raum ein, außerdem entstanden vor allem Klavierlieder. Seine mit Abstand erfolgreichste Komposition wurde aber das biblische Oratorium Jephta und seine Tochter. Das Instrumentalwerk ist dagegen recht schmal, gedruckt wurde lediglich die Symphonie op. 12 und ein Konzert-Walzer für Klavier. Reinthaler war bereits über 50 Jahre alt, als er sich der Opernkomposition zuwandte. Der Opernerstling war die „Große Oper“ Edda (Bremen 1875 und Hannover 1876) auf einen Text Emil Hopffers, die während des Dreißigjährigen Kriegs in Ostfriesland spielt. In dem Bremer Literaten Heinrich Bulthaupt (1849–1905) – später bekannt durch seinen Opernführer Dramaturgie der Oper (zuerst 1887) – fand er einen neuen Librettisten für seine zweite Oper Das Käthchen von Heilbronn nach Heinrich von Kleist. Dieses „große historische Ritterschauspiel“ hatte 1810 seine Uraufführung erlebt und war bereits seit 1845 mehrfach – wenn auch ohne nachhaltigen Erfolg – zum Opernstoff geworden. Als man im Jahre 1876 – irrtümlich ein Jahr zu früh – an mehreren Bühnen Kleists Geburtstags gedenken wollte, rückten dadurch der Dichter und sein Werk erneut ins Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit. Auch das Käthchen wurde an prominenten Bühnen neu inszeniert, wobei eine Tendenz zurück zum Originaltext festzustellen ist. Vielleicht durch diese Kleist-Renaissance angeregt, begann Reinthaler (spätestens) 1876 mit der Komposition seiner Käthchen-Oper. 1878 reichte Reinthaler – anonym – die Partitur zu einem Wettbewerb ein, den das Frankfurter Stadttheater ausgelobt hatte, um zeitgenössische Werke zu fördern. Im Vorfeld der Eröffnung des neuen Stadttheaters (jetzt Alte Oper Frankfurt) sollte aus den Einsendungen ein Werk prämiert und uraufgeführt werden. Die Jury sprach Reinthalers Käthchen den Sieg zu, und die Oper wurde zur ersten Uraufführung im neuen Theatergebäude angenommen. Nach der Premiere am 8. Dezember 1881 folgten noch in derselben Spielzeit Erstaufführungen in Braunschweig, Hamburg, Bremen – jeweils unter der Leitung des Komponisten – und in Dresden (unter Ernst von Schuch). Gast der Hamburger Premiere war Johannes Brahms, der seit langem Reinthaler freundschaftlich verbunden war. In den folgenden Jahren kam die Oper noch in Leipzig, Breslau und München (1884) heraus. König Ludwig II. bestellte die Oper für eine der legendären „Separat-Vorstellungen“, die exklusiv für ihn gegeben wurden. In der Reichshauptstadt Berlin fand im Königlichen Opernhaus unter den Linden 1890 die wahrscheinlich (vorerst) letzte Inszenierung des Werkes statt. Die letzten Vorstellungen sind für 1892 in Bremen dokumentiert, wo sich das Werk über zehn Jahre im Repertoire gehalten hatte.

Operngeschichtlich bemerkenswert ist Reinthalers Position als erklärter Gegner der Wagnerschen Ästhetik. Sein Stil geht von der Musik Mendelssohns aus und ist am ehesten mit der Tonsprache Schumanns und Brahms‘ zu vergleichen. Zwar stand die Oper nicht im Zentrum des Interesses bei den Komponisten des Brahms-Kreises, doch gab es neben Schumanns Genoveva und Reinthalers Käthchen auch andere Beispiele für eine alternative deutsche romantische Opernschule, wie z.B. den Robin Hood des Oldenburger Generalmusikdirektors Albert Dietrich. Diese Opern sind in ihrer Anlage insofern konservativ, als sie auf eine konsequente leitmotivische Gesamtanlage verzichten und an der Struktur der Nummernoper festhalten. Das Libretto und damit auch die einzelnen musikalischen Formteile sind nicht wie bei Wagner prosaisch flexibel, sondern oft in liedhafter, strophischer Weise angelegt. Dies schließt den Einsatz von „modernen“ Klang- und Instrumentationseffekten keineswegs aus, so dass sich Opern wie Das Käthchen von Heilbronn durch melodischen Reichtum, aber auch durch große Spannungsbögen und bühnenwirksame dramatische Zuspitzungen auszeichnen.

Mit der Aufführung des Jephta-Oratoriums 2007 in der Erfurter Augustinerkirche unter Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth kam in Reinthalers Geburtsstadt in Prozess der Wiederentdeckung von dessen Musik in Gang. Am Theater Erfurt war in der Spielzeit 2008/09 die Oper Das Käthchen von Heilbronn auf der Bühne zu erleben. Die Premiere wurde sowohl durch den MDR als auch DeutschlandRadio Kultur übertragen. Der Mitschnitt erschien später als CD. In derselben Saison stand auch Reinthalers einzige Symphonie auf dem Programm der Sinfoniekonzerte des Philharmonischen Orchesters Erfurt. Der Bariton Peter Schöne, einer der Mitwirkenden der Opernproduktion, Peter Schöne, nahm eine Auswahl von Liedern Reinthalers für eine CD-Produktion auf.