"Adel verpflichtet" - Wozu eigentlich?
Diese Feststellung und Aufforderung, die in ihrer französischen Form als „Noblesse oblige“ zum geflügelten Wort wurde, assoziiert, dass Privilegien auch Verpflichtungen gegenüberstehen. Dem immanent ist die ethische Wertvorstellung, nach der Menschen, die vom Schicksal begünstigt sind, gegenüber Benachteiligten auch in der Verantwortung stehen.
Durch die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts hat der Adel seine jahrtausendealte herrschende Rolle eingebüßt. Selbst die Monarchen in unseren Nachbarländern sind moderne Repräsentanten ihrer Nation und sich ihrem Vorbildcharakter (von wenigen prominenten Ausnahmen abgesehen) in höchstem Maße bewusst.
Im tradierten Repertoire des Theaters, insbesondere der Oper, spiegeln sich hingegen überwiegend Gesellschaftsformen des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen der Adel mehr oder minder uneingeschränkte Machtfülle besaß. Adlige waren nicht nur Betreiber, Initiatoren und gelegentlich auch Darsteller von Theater- bzw. Opernaufführungen, sie standen als Bühnenfiguren auch im Fokus der Autoren und Komponisten. Je nach kritischem Anspruch und immer unter Beobachtung der Zensur, konnte die Bühne die Möglichkeit bieten, die Herrschenden an ihre Verantwortung gegenüber den Beherrschten zu erinnern, Fehlverhalten bloßzulegen oder gar dem Spott auszusetzen.
Am Anfang der neuen Spielzeit des Theaters Erfurt steht nicht zufällig das vielleicht berühmteste Beispiel dafür: Mozarts Figaro, eine Oper, deren revolutionäre Sprengkraft schon der Dramenvorlage Beaumarchais' inne wohnte. Graf Almaviva findet auf den Pfad der Tugend zurück, die Komödie endet (vielleicht nur scheinbar?) versöhnlich. Die Operngeschichte ist reich an Beispielen für Adlige, die sich rühmlich verhalten haben, aber mindestens ebenso zahlreich sind die Fälle von mehr oder minder krassem Fehlverhalten, sei es im komödiantischen Gewand oder im Rahmen tragischer Begebenheiten. Der weise, gütige Monarch im Weißen Rössl setzt da einen anrührenden Kontrapunkt.
Oft ist es die Liebe oder die Lust, die eine Standesperson – wie den Edwin in der Csárdásfürstin oder den Marquis Muffat in Nana – zu unstandesgemäßen Beziehungen verleitet. Beim Trunkenbold Sir John Falstaff (in den Lustigen Weibern) ist außer dem Titel nicht mehr viel Edles übrig geblieben. Von Machtgier getrieben sind die römische Kaiserin Agrippina und noch viel skrupelloser Dag Ngans Kagh (Das Waisenkind) oder der legendäre Schottenkönig Macbeth. Nicht zuletztwird die verkrustete Standesgesellschaft des alten Russlands – verkörpert durch die betagte Gräfin, die Pique Dame, – einem jungen Mann zum Verhängnis.
Als Bonbon ist dann noch das Werk eines komponierenden Adligen zu erleben: Die romantische Oper Santa Chiara des Gothaer Großherzogs Ernst II. wird als „Oper am Klavier“ aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt.
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